21.07.2019 18:44 Age: 30 days
Category: ALL, Chronik

Wetter - Reminiszenzen

Der „Stier“ vom Tschirgant, Oetz und Grün


Bis in die jüngste Zeit herauf wurden im allgemeinen Sprachgebrauch die Begriffe Klima und Wetter als Synonyme verwendet. Das hat sich mit dem Umsichgreifen der großen Sorge bezüglich des „Klimawandels“ geändert. Während „Wetter“ nunmehr als beschreibender Oberbegriff für Sonnenscheindauer, Temperaturen, Niederschläge und Windverhältnisse usw. in einer Region verwendet wird, sieht man das Klima als Aufeinanderfolge verschiedener Wetterzustände mit ihren tages- und jahreszeitlichen Schwankungen. Und darüber erreichen uns täglich Berichte, die wirklich Anlass zur Sorge geben: Erderwärmung, Gletscherschwund, Dürre, … usw.

Wenn sich also im Jahr 2019 viele ob des Klimawandels sorgen, so fürchteten die Menschen früher bestimmte Wetterphänomene. Neben Spätfrösten und Hagel war es auch der „Tschirgant-Stier“, jener berüchtigte Sturmwind, der als ungestümer Vorbote einer Schlechtwetter-Front mächtige Bäume knickte, Dächer abdeckte, das Heu von den Stanggern plünderte und bedrohlich den Staub auf Murkegeln aufwirbelte.

Den Haimingern hat er schon viele angstvolle Stunden beschert; am schlimmsten dürfte es aber am 3. Juli 1897 gewesen sein, als er eine Spur der Verwüstung durch die Region zog und in Haiming einen Brand anfachte, der das Dorf in Schutt und Asche legte. Aus Silz berichtete ein Augenzeuge

an den „Andreas Hofer“ (Nr. 27, S. 287, 288):

„Wir haben eine Reihe außergewöhnlich heißer Tage hinter uns. In der 4. Nachmittagsstunde des verflossenen Donnerstags brauste unter fürchterlichem Getöse ein reißender Sturmwind über unsere Gegend, der empfindlichen Schaden anrichtete. An vielen freigelegenen Stellen wurde das Heu, selbst von sogenannten Stangern, unwiederbringlich weggefegt, zum Teil in´s Wasser getragen. Baumzweige, vermengt mit Schindeln und Dachziegeln durchschwirrten die Luft und machten die Passage lebensgefährlich, manch´ prächtiger Obst- und Waldbaum wurde geknickt und kreuzte die Wege. In Stams wurde von dem einen der zwei Abteitürme der Aufsatz samt dem Kopfe in die Tiefe geschleudert. Heufuder wurden umgeworfen usw. - doch was ist das gegen das Unglück, das Gott gestern hat über unsere Nachbargemeinde Haiming hat kommen lassen! Der intensive Rauch, vermischt mit Aschenteilen, der sich das Inntal entlang und über das Mittelgebirge hinzog bis wohl gegen Zirl hinab und die Sonnenstrahlen nicht mehr durchdringen ließ, brachte schreckliche Kunde. Der Jammer der Leute ist herzzerrreißend. In der allgemeinen Verwirrung und bei der Raschheit, mit der das Feuer vom Winde gepeitscht hin- und herflog und seine Opfer holte, ließ sich fast nichts retten.“

In Oetz wurde einer Glocke der Ehrentitel „Stier“ zuteil – und das kam so: Dieser Ort war öfters von Muren bedroht. Um diese Gefahr abzuwehren, erkoren sich die Pfarrkinder den heiligen Georg als Fürsprecher im Himmel und rüsteten das Oetzer G´läut mit einer Wetterglocke auf. Über den Erfolg wurde vermerkt: Als ein Bauer auf der Achenberger Alm Schutz suchte, habe er deutlich gehört, wie eine Hexe zur anderen sagte: „Schuib, schuib“. Die andere habe darauf erwidert: „I derschuibs numma, der Oetzer Stier brüllt.“

Der Sachverhalt mag zunächst wirr wirken, ist klar und lässt sich auch so schildern:

Wetterhexen trachten danach, die Gewitterwolken gegen den alles überragenden Acherkogel zu schieben, damit diese dort in ihrer Zwangslage das Wasser schaffelweise ausschütten, um Muren gegen Ötz ins Rutschen zu bringen.

Die Oetzer geboten diesem Treiben dank der Kraft der Wetterglocke dermaßen Einhalt, dass die Bedrohung gegen das Nedertal ausweichen musste. Natürlich darf auch der Fortgang der Geschichte nicht verheimlicht werden: Als nämlich die Hoachwetter immer häufiger über das Saatele ins Inntal zogen, kauften die Silzer eine große Glocke, es sei die größte in Westtirol. Ob ihres Klangs nennen sie die Leute ehrfurchtsvoll die Groaße. - Sie ist bei günstigen Windverhältnissen auch in Haiming zu hören. Dass es beim Wetterläuten aber nicht auf die Größe ankommt, beweist das der Gottesmutter 1812 geweihte Glöggle der Kapelle in Grün. Ihm, dem Grüner Stier, ist bei Unwettern im Raum Haiming eine besondere Wirkung zugedacht,

Text und Foto: Johann Zauner