18.07.2017 09:00 Age: 127 days
Category: ALL, Chronik

Die Geschichte unserer Gemeinde - Haiming

Die Anfänge der Landwirtschaft


Mit diesem Artikel beginnt eine Serie, in welcher Ortschronist Manfred Wegleiter die Entwicklung des Dorfes Haiming beschreiben wird. Mit dem Blick auf die Landwirtschaft wird diese Serie eröffnet, es folgen die Bereiche „Wirtschaft“, „Kirchliches Leben“, „Vereine“, „Besondere Ereignisse“ und „Schulen“.

Im Jahre 2019 werden es 750 Jahre, dass Haiming erstmals in einer Urkunde vom 19. Februar 1269 genannt wird. Damals kaufte Graf Meinhard von Tirol von Graf Heinrich von Eschenloch fünf Höfe des Gerichts St. Petersberg, darunter einen in „Haimingen“. Im Verzeichnis der Grundbesitzrechte Meinhards vom Jahre 1288 scheinen schon zahlreiche Güter und Besitzer auf. Erwähnt werden Slinersawe (Schlierenzau), Asprian und Eberzo, Heinrich underm Raine, in Riedern Hersina, zu Heimingen Dietmareshof, Peters Hube und die Huben des Schilheres, Chunzen und Jänsine; am Heuperch (Höpperg) zwei Höfe und der Hof zum Nidermann, zwei Höfe am Mitterperch, der Hof zu Gerune und die Höfe in Pfaffeneben, Gewike und Ochsengart. Von diesen Höfen zahlten jene im Tal hauptsächlich Getreide als Pacht, jeder rund 500 bis 700 Liter Roggen und Gerste, daneben Lämmer, Kitze, Hühner, Eier und Fleisch. Die Höfe am Höpperg und in Ochsengarten zinsten meist je 300 kleine Käselaibe, Schmalz und Tuch (Loden). Letztere waren also Schwaighöfe oder Viehhöfe ohne Ackerbau.

Diesem Verzeichnis verdanken wir also die ältesten schriftlichen Zeugnisse, was in Haiming zu jener Zeit angebaut wurde. Besiedelt wurde die Gegend um Haiming viel früher. Wie in einer früheren Ausgabe des Dorfblattls bereits berichtet, wurden 1951 bei der Erweiterung einer Sandgrube im Bereich „Wiesrain“ Scherben eines Urnenfriedhofes entdeckt. Aus den verschiedenen Keramikformen ergibt sich laut Univ. Prof. Leonhard Franz eine Belegungsdauer von etwa Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. bis in die Mitte des 4. Jh. v. Christus. Er kommt zum Schluss, dass es sich beim Brandgräberfeld am Wiesrain um die Grabstätten eines Einzelgehöftes, bestenfalls eines Kleinweilers, handelte.

In Dorfnähe gibt es einen Hinweis auf eine Besiedelung um Christi Geburt – am nördlichen Fuß des Kirchhügels wurde eine Randscherbe eines eisenzeitlichen Tongefäßes gefunden. Dieser Bodenfund untermauert eine fortdauernde Besiedelung zur Römerzeit ebenso wie die alte Flureinteilung, denn die auf die römische Landvermessung zurückführenden „Quadrafluren“ sind wie in Rietz und Silz auch in Haiming zu erkennen. Im März 1950 wurden am Rande des Pirchet (zur Gemeinde Silz gehörig, aber näher zu Haiming gelegen) beim Bau einer Abwasserleitung in gelbem Sandboden in einer Tiefe von 75 cm bis 1 m acht beigabenlose Skelette gefunden. Univ. Prof. Franz geht davon aus, dass es sich dabei um den Teil eines frühmittelalterlichen Reihengräberfriedhofes handelt. Das Leben im Mittelalter war von Hunger, Ängsten, Seuchen und Katastrophen geprägt. Oberstes Ziel jeder Gemeinschaft, jeder Sippe war die Selbstversorgung mit dem Notwendigsten. Karg und entbehrungsreich war das Leben, je nach den geografischen Bedingungen hatten die Menschen nur eine kleine Auswahl an Lebensmitteln. Pferdebohne, Erbsen und der mit Wasser zubereitete Haferbrei waren wohl die Hauptnahrungsmittel. Getreide war ein Grundnahrungsmittel und dessen Anbau oft von Missernten und Überschwemmungen betroffen. Grütze und Brot ergänzten in guten Jahren den Speiseplan.

Der Getreideanbau hat sich erst im Mittelalter mit der Einführung des Roggens rasant ausgebreitet. In den umliegenden Wäldern wurden Beeren und Samen gesammelt, ab und zu wird auch ein Stück Wild auf dem offenen Feuer gelandet sein. Bei den Haustieren findet man schon in frühen Besiedelungszeiten Rind, Schaf, Ziege, Schwein und Geflügel. Fisch war ein wichtiger Eiweißlieferant. Haiming war zur Zeit der ersten Namensnennung im 13. Jahrhundert eine rein agrarische Gemeinde, obwohl im Steuerverzeichnis von 1325 bereits ein Weber, zwei Schmiede und ein Kaltschmied genannt werden. Die Lage im „Oberinntaler Trockengebiet“ veranlasste die Bauern im 16. Jahrhundert zur Anlage eines Bewässerungssystems. Waren früher die Quellen am Haimingerberg für die Wasserversorgung ausschlaggebend, so wurde nun das Wasser vom Ambach (Anpach) entnommen und auf Felder, Bäche und Brunnen verteilt.

Um das wertvolle Wasser entbrannten immer wieder Rechtsstreitigkeiten mit den Leuten am Höpperg und den Nachbarn aus Silz. Ein wesentliches Standbein der Landwirtschaft bildete die Almwirtschaft. Die Alm am Simmering hatten die Haiminger seit 1544 von Tarrenz gepachtet, 1673 wurde sie erworben. Eine bedeutende Rolle im bäuerlichen Leben unserer Gemeinde hatte der Maisanbau. Mit einem zurückkehrenden Schiff von Christoph Kolumbus erreichten schon 1493 die ersten Maiskörner europäischen Boden. 1574 wurde über Maisfelder am Euphrat berichtet – über diesem Umweg aus dem Vorderen Orient kam das „Türkisch Korn“ nach Mitteleuropa. In Tirol urkundlich nachweisbar taucht der Maisanbau im Jahre 1626 bei Telfs auf, um 1800 war er in ganz Tirol verbreitet. Um 1870 hatte unsere Gemeinde 409 Joch (233 ha) Ackerland, davon waren 210 Joch mit Türken (ausschließlich Körnermais) bebaut, auf Erdäpfel entfielen 30 Joch. Türkenmehlspeisen waren häufige und nahrhafte Gerichte. Mit Körnermais wurden auch Tauschgeschäfte betrieben. In einem Verzeichnis aus dem Jahre 1870 sind für Haiming 205 Häuser angeführt. An Pferden werden 4 Stuten und 6 Wallachen angeführt.

Dazu kommen noch 1 Maulesel, 9 Stiere, 605 Kühe, 16 Ochsen, 521 Kälber bis vollendetem 3. Jahr, 908 Schafe, 179 Ziegen, 104 Schweine und 232 Bienenstöcke. Gut hundert Jahre später (1983) hat sich das Ackerland auf 106,3 ha verringert, der Silomais hat den Körnermais abgelöst (37,4 ha), Kartoffeln wurden auf rd. 16 ha angepflanzt, auf Obstanlagen entfielen 19 ha. Im Jahre 2000 gab es in Haiming 113 land- und forstwirtschaftliche Betriebe, sechs davon mit biologischer Landwirtschaft. 66 Betriebe hielten Rinder, die landwirtschaftliche Nutzfläche je Betrieb betrug etwa 13 ha. 23 Betriebe wurden im Haupterwerb geführt. Die gesamte landwirtschaftliche Nutzfläche betrug 1.285 ha, davon entfielen auf den Obstbau 25 ha, auf den Ackerbau 86 ha und auf Wiesen und Weiden 1.171 ha. Es wurden 594 Rinder, 56 Pferde, 139 Schweine, 756 Schafe und Ziegen und 1.417 Stück Geflügel gehalten. Heute hat sich auch in unserer Gemeinde die Landwirtschaft auf wenige Produkte spezialisiert. Viele Klein- und Nebenerwerbsbauern haben die Stalltüre für immer geschlossen. Eine bedeutende Rolle spielt inzwischen der Obstbau (Äpfel), auch der Weinbau hat erfolgreich Einzug gehalten. Mehrere Biobauern bieten Getreidesorten, Gemüse, Obst und Erdäpfel an. Die wertvollen Haiminger landwirtschaftlichen Erzeugnisse werden über den Handel, bei den Markttagen und im Ab Hof-Verkauf vermarktet.

Text und Fotos: Manfred Wegleiter