21.12.2014 14:45 Age: 7 yrs
Category: ALL, Gemeinde
By: Manfred Wegleiter

Der Apfelanbau im Jahreskreislauf

"Der beste Obstbauer ist nicht der Studierteste sondern jener, der 365 Tage im Jahr eine Runde durch seine Obstgärten dreht" - so beschrieb der langjährige "Chefberater" der Tiroler Obstbauern, Dr. Otto Wassermann, die Tätigkeit eines Apfelproduzenten.


"Der beste Obstbauer ist nicht der Studierteste sondern jener, der 365 Tage im Jahr eine Runde durch seine Obstgärten dreht" - so beschrieb der langjährige "Chefberater" der Tiroler Obstbauern, Dr. Otto Wassermann, die Tätigkeit eines Apfelproduzenten. Was der gebürtige Pitztaler damit ausdrücken wollte: Theoretisches Wissen bietet die Grundlage für eine erfolgreiche Tätigkeit als Obstbauer, reiche Ernte und Qualitätsware können aber nur durch intensive Tätigkeit und laufende Beobachtung der ökologischen Vorgänge im Obstgarten erreicht werden.

Wer sich für den Weg in die Apfelproduktion entscheidet, hat verschiedenste "Hausaufgaben" zu erledigen. Vorerst gilt es einen geeigneten Standort zu suchen: Frostsichere Lage, Wasserversorgung, Bodenbeschaffenheit sind Kriterien um später erfolgreich produzieren zu können. Sind diese Schritte getan, geht es um die Sortenauswahl. Will ich nur Äpfel für den Eigenverbrauch oder produizere ich für den Markt? Will ich gegen bestimmte Krankheiten resistente Sorten? Wie hoch sollen die Bäume werden? Sollen die Bäume süße oder säuerliche Früchte tragen? Sollen es Früh- oder Spätsorten sein? Die Palette der Entscheidungsmöglichkeiten ist groß, oft fallen die Entscheidungen (auch für routinierte Obstbauern) schwer.

Sind diese Vorarbeiten erledigt, dann geht es an die Pflanzung. Je nach "Unterlage" und Wüchsigkeit muss die Baummenge festgesetzt werden (in Haiming wird von den Obstbauern meist die schwachwüchsige Unterlage M9 verwendet; der Pflanzabstand beträgt zwischen 0,80 und 1,20 Meter, der Reihenabstand zwischen 3,20 und 3,80 Meter). Auf einen Hektar Wiese haben zwischen 3.000 und 4.000 Bäume Platz. Ist die aufwändige Pflanzung erledigt (Anbringung der Säulen bzw. Hagelnetzkonstruktion, Wasserschläuche und Beregner, Zaun) fangen schon die Pflegemaßnahmen an. In unserer Gemeinde (Haiming ist die größte Obstbaugemeinde Nordtirols) werden die Apfelbäume meist Anfang April gepflanzt.

In der ersten Phase eines Apfelbaumlebens ist eine ausreichende Versorgung mit Wasser wichtig. Auch die regelmäßige Ausschau nach Wühlmausgängen ist erforderlich. In Junganlagen können Wühlmäuse große Schäden verursachen. Stark "angeknabbertes" Wurzelwerk führ zum Absterben der Bäume. Um der Plage Herr zu werden ist das Fallenaufstellen notwendig - fleißige Hauskatzen und die Förderung von natürlichen Fressfeinden (Marder, Wiesel, Raubvögel) sind weitere geeignete Maßnahmen um die Wühlmauspopulation nach unten zu drücken. Das "Mausen" ist über das ganze Jahr (außer in der Bodengefrierzeit) Pflicht.

Schon in den Wintermonaten Jänner und Februar beginnt der Winterschnitt. Die Apfelbäume müssen "ausgelichtet", überschüssige Äste entfernt werden. Beim Schneiden der Bäume müssen einige Grundregeln eingehalten werden. Starker Schnitt führt zu starkem Wachstum. Und schon vor der Blütezeit werden die Apfelbäume an Stämmen und Asthöhlen auf Schädlinge untersucht, die auf den Bäumen überwintern. Um den Befallsdruck zu mindern wird je nach Temperaturentwicklung Ende März eine "Ausstriebsspritzung" durchgeführt.

Stehen die Apfelbäume in Vollblüte, sind sie für Schadorganismen (Pilze, Läuse, Milben, Bakterien) besonders anfällig. Jede Blüte ist eigentlich eine offene Wunde und erleichtert Schädlingen das Eindringen. In diese Zeit fällt auch die Frostgefahr. Intensivobstbauern beobachten ihre Frostmelder und die Warnmitteilungen der Landwirtschaftskammer und schalten in kritischen Phasen die Frostberegnungen ein. Nicht alle Apfelsorten sind in gleichem Maße frostempfindlich. Ebenfalls in die Blütezeit fällt die "Ausdünnung". Stehen Anlagen in Vollblüte ist eine Minimierung der Blüten bzw. der kleinen Früchte notwendig um später einen optimalen Behang mit entsprechender Fruchtgröße zu erreichen. Die händische Ausdünnung ist sehr zeitintensiv, aber unbedingt notwendig. Als Faustregel gilt: Pro Fruchtast 6-8 Früchte, pro Baum je nach Sorte und Größe des Baumes 80-120 Äpfel. Lässt man zu viele Früchte hängen, bleiben sie bis zur Ernte zu klein oder färben schlecht aus. Und immer wieder dreht der Obstbauer seine Runden durch den Obstgarten. Mit dem "Tensiometer" kann die Bodenfeuchte gemessen und der Bedarf an Wasser ermittelt werden. Regelmäßige und von den Kontrollstellen vorgeschriebene Bodenuntersuchungen (pH-Wert, Spurenelemente, Bodenleben usw.) geben Aufschluss über die Notwendigkeit von Düngemaßnahmen.

Im späten Frühjahr werden weitere Beobachtungsinstrumente eingesetzt. Das Anbringen von Apfelwicklerfallen (Der Apfelwickler ist ein Schmetterling aus der Familie der Wickler, die Raupen des Apfelwicklers bohren sich in die Früchte) dient zur Entscheidungshilfe, ob eine Pflanzenschutzmaßnahme notwendig ist oder nicht. Die Obstbauern setzen heute bei der Apfelwicklerbekämpfung auf die "Verwirrmethode" (Dabei nutzt man ein Verhalten einiger Insekten bei der Paarung. Die weiblichen Tiere verströmen Pheromone, um männliche Tiere anzulocken. Bringt man in ein Feld eine höhere Stoffkonzentration von künstlich hergestellten Pheromonen aus, werden die männlichen Tiere orientierungslos und finden nicht mehr zum Weibchen. Dadurch wird die Vermehrung dieses Schädlings behindert).

Mit "Weißtafeln" kontrolliert man die Flugintensität der Sägewespe, die beim Apfel ähnliche Schadbilder wie der Apfelwickler hervorruft. Interessant zu beobachten ist das vielfältige Leben in den Insektenhotels, deren Anbringen für Intensivobstbauern Pflicht ist. Hier tummeln sich verschiedenste Spinnen- und Wespenarten, Wanzen, Ohrwürmer und andere Insekten, die alle zu den Nützlingen gehören. Besonders "anmutig" ist für einen Obstbauer der Anblick eines Marienkäfers - dieser leistet bei der Blattlausbekämpfung wertvollste Dienste.

Dazwischen muss der Obstbauer natürlich regelmäßig "mulchen" (mähen, der Grasschnitt bleibt als Dünger liegen).

Mit einer Lupe "ausgerüstet" begibt sich der Apfelbauer auch auf die Suche nach Rostmilben, der roten Spinne und anderen kleinen aber sehr "wirkungsvollen" Schädlingen. Bei dieser Suche hält er aber auch Ausschau nach Nützlingen - das ökologische Gleichgewicht in einer Apfelplantage ist sehr wichtig und erspart dem Obstbauer den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Vor allem Bienen und wertvolle Wespenarten werden dadurch geschont.

Um Mitte August beginnt die Zeit der Ernte. Frühsorten wie Gravensteiner oder Summerred leuchten von den Bäumen und harren ihrer Ernte. Mit Erntekörben und modernen Erntegeräten wird die Ernte möglichst schonend durchgeführt um Druckstellen auf den reifen Früchten zu vermeiden. Gleich nach der Ernte in Großkisten werden die Früchte in das Haiminger Obstlager verbracht und professionell gelagert. Die Erntetermine variieren je nach den Wetterbedingungen im Jahreskreislauf und so werden die Spätsorten (Golden, Mairac, Braeburn usw.) von Anfang bis Ende Oktober geerntet. Nach der Ernte werden die Plantagen noch einmal ordentlich gemulcht (dient auch zur Vorbeugung der Wühlmausplage, Raubvögel können die Mäuse besser entdecken).

Dann gibt es für die Obstbauern eine kurze Pause. Aber schon im Dezember fangen die Schnittmaßnahmen an, werden Erhebungen über notwendige Nachpflanzungen gemacht. Und das nächste Apfeljahr steht schon wieder vor der Tür.

Obstbau zu betreiben ist mehr als Arbeit und Verantwortung - es ist Freude an der Beschäftigung in freier Natur. Es ist genussvolle Beobachtung von vielen, komplexen Vorgängen im Obstgarten. Und wenn die Ernte vor der Tür steht und die Äpfel von den Bäumen leuchten, dann findet der Obstbauer seine Befriedigung für die zeitintensiven Bemühen im Jahreskreislauf.